Die Story von Windelin
Windelin - vom Schrottauto zum heißgeliebten Vereinsfahrzeug
Die Story von Windelin (veröffentlicht in "Fly and Glide", Ausgabe Jan.2000)
Pünktlich zum Saisonbeginn 99 war er einsatzbereit: Windelin I, das neue, selbstentwickelte und -gebaute Windenfahrzeug des GSC-Weser. Nun ist es der neue Star und Stolz der Thermikmöwen. Doch der Weg zum mobilen Vereins-Einsatzfahrzeug war lang. Beinahe drei Jahre dauerte die liebevolle Renovierung
Die bisher vom GSC Weser verwendete Wesselman-Il-Schleppwinde. auf einem Einachshänger montiert, hatte einfach zu viele Nachteile: Häufig fehlte ein Fahrzeug mit Anhängerkupplung, ständig nervte das lästige Zusammensuchen des Equipments: Vorseile, Werkzeugkästen, Funkgeräte, Windfahnen. Auch Aufrüsten und Bedienen der Winde (stehend) war sehr umständlich und auf Dauer beschwerlich. Daraus ergab sich fast von alleine die Idee eines selbstfahrenden Windenfahrzeugs mit bequemem Sitz und der Möglichkeit, sämtliches Equipment auf dem Fahrzeug anzubringen oder verstauen zu können
Pritschenwagen statt Anhänger
Ein optisch vielversprechender Ford Transit-Pritschenwagen Baujahr 81 für 1000 Mark war schnell erworben. Doch nach eingehenden Checks und Demontage der Pritsche wurde das ganze Elend sichtbar: Karosse und Chassis konnten mit dem Klang des Motors bei weitem nicht mithalten, Radkästen Kotflügel Unterboden sowie sämtliche tragenden Holme waren durchgerostet, ganz zu schweigen von den defekten Bremsen, Stoßdämpfern, Lenkgestängen...... Wie der vorher noch durch den TÜV gekommen war? Ein Rätsel.
Gut eineinhalb Jahre dauerte die erste Phase der Renovierungsaktion. Danach waren Karosserie und Chassis in einem fast neuwertigen Zustand, Doch noch sah man nichts von einem Windenfahrzeug, Die entscheidende Frage: Wie setzt man die Wesselman-Winde am effektivsten auf die Pritsche?
Viele Varianten wurden ausprobiert. Längs oder quer, weiter nach vorn oder nach hinten? Die vom TÜV geforderte Verteilung der Achslasten ließ zum Schluss nur eine Lösung zu. Der Platz für die Wesselmann stand also fest es blieb noch die Aufteilung der verbleibenden Flächen für die Aufnahme der Ablage -und Staukästen zu klären.

Hinten wurde eine Plattform für die Aufnahme und den Transport des Rückhol-Motorrades eingerichtet, für den Fall eines »Auswärtsspiels« des Vereins. Großer Wert wurde auf eine komfortable Ausstattung für den gestressten Windenfahrer gelegt: Ein luxuriöser in alle Richtungen verstellbarer Chef-Drehsessel sorgt nun für eine bequeme Arbeitsposition. Im Rücken des Windenführers befinden sich Staukästen für Benzinkanister, Werkzeugkästen, Startleiter- und Windenkoffer, Vorseile, Seilfallschirme, Windfahnen, Windenordner und ein eigenes Fach für das Funkgeräte-Ladegerät. Ein zusätzliches Ladegerät im Führerhaus mit 220-Volt-Außensteckdose sorgt dafür, dass Winde und Fahrzeug immer startklar sind.
Hightech: Eine vorwählbare Uhr schaltet die Ladegeräte zum eingegebenen Zeitintervall ein beziehungsweise aus - hier wird dem Alzheimer vorgebeugt. In einem zusätzlichen großen Stauraum zwischen dem rechten hinteren Kotflüge! und dem Führerhaus werden die sperrigen Ausrüstungsgegenstände wie Sonnenschirm und Absperrstangen untergebracht. Fest auf dem Autodach montiert: die mobile Rundumleuchte, die wie ein Teleskop zirka einen Meter nach oben ausgefahren werden kann. Seitlich stecken wir bei Flugbetrieb einen großen Windsack auf. Alle Ausrüstungsgegenstände haben jetzt ihren festen gekennzeichneten Ablageplatz und sind gut erreichbar. Auch die Zugänglichkeit zum Windeninnenraum (Motor, Getriebe) wurde erleichtert. Durch das offene Chassis ist die Winde von unten gut erreichbar beziehungsweise durch Abnahme der Seitenverkleidungen rundherum zugänglich.
Schön sollte Windelin aber auch noch aussehen, Mit einer Lackierung in den Vereinsfarben (rot, weiß), einem Speckflaggen-Motiv auf der Motorhaube und den silberglänzenden Aluflächen gelang ein ansprechendes Design. Der Vereinsname auf Fahrer- und Beifahrertür stellt unmissverständlich klar, wem dieses Schmuckstück gehört. Zum Schluss blieb noch das Führerhaus übrig: Neue Schonbezüge, Verkleidungen, ein Radio und vieles mehr sorgen dafür, dass sich der Fahrer rundum wohlfühlen kann.

Der Rollout:
Nach zweieinhalb Jahren war es endlich geschafft! Am 2. April 1999 fand in aller Stille der »Rollout« (wie im Flugzeugbau üblich) statt. Noch mit roten Kennzeichen versehen, wurde Windelin ohne Probleme zum zwanzig Kilometer entfernten Fluggelände überführt. Am nächsten Tag die ersten Tests im Schleppeinsatz. Alles funktionierte reibungslos - ein ganz neues Windenfahrergefühl! Zum ersten Mal musste man sich nicht mehr die Beine in den Bauch stehen. Der in alle Richtungen verstellbare Chefsessel erlaubt nun auch der kleinsten Windenfahrerin des Vereins (Ilse Quase), eine stressfreie/ übersichtliche und bequeme Arbeitsposition einzunehmen. Vorsicht ist allerdings geboten, sollen doch schon einige Windenführer in den Tiefschlaf gefallen sein...
Im Anschluss an die erfolgreichen Tests fand noch am gleichen Tag die offizielle Einweihung und Präsentation vor vielen neugierigen Thermikmöwen und Presseleuten statt. Glänzend wie die Alubleche leuchteten die Möwenaugen. Unter großem Beifall wurde das von allen sofort heißgeliebte Fahrzeug auf den naheliegenden Namen Windelin l getauft.
Die Praxis-Feuertaufe hatte Windelin also mit Bravur bestanden. Eine zweite stand noch bevor, die Straßenzulassung unter den strengen Augen eines TÜV-Prüfers. Eine der zahlreichen Hürden: Der TÜV verlangte einen Nachweis über die einzelnen Gewichtslasten von Vorder- und Hinterachse. Also war eine sogenannte Wiegekarte erforderlich. Mit Beziehungen - wie überall im Leben - erhielten die GSC-Möwen schließlich am 2.Juli '99 im zweiten Anlauf das ersehnte Zertifikat. Keine Beanstandungen bei den Aufbauten und nur noch geringe Mängel am Fahrzeug. Die waren schnell behoben und mit stolzgeschwellter Brust sowie dem TÜV-Gutachten in der Tasche ging's sofort zur Zulassungsstelle nach Bremen. Die gab nach anfänglichem Misstrauen und vielen Nachfragen bei verschiedenen Mitarbeitern »grünes Licht« in Form eines grünen Kennzeichens mit der Kennung HB-PJ 392. Windelin läuft seither unter der Fahrzeugart »Selbstfahrende Arbeitsmaschine«, ist von der Zahlung der Kfz-Steuer befreit und um zwei Drittel preiswerter in der Kfz-Haftpflichtversicherung.
Nur gute Erfahrungen
Während der gesamten Flugsaison '99 hat sich Windelin hervorragend bewährt. Aufgrund des tollen Flugwetters wurden so viele Schlepps wie noch nie durchgeführt, und Windelin hat die Möven nicht einmal im Stich gelassen. Wegen der hohen Mobilität ist es nun für den GSC-Weser relativ leicht, ohne großen Aufwand »Auswärtsspiele« wie Tage der offenen Tür, Jubiläumsfliegen oder Flugsporttage zu besuchen und unseren Sport vorzustellen. Dabei wird Windelin immer von vielen Neugierigen bestaunt. Besonders erstaunt angesichts dieses Profi-Fahrzeugs sind oft die Segelflieger.
Während des Winters wird Windelin weiter verbessert. Die vom DHV geforderte neue Zugkraft-Regelanlage wird eingebaut, die unbequemen Handfunkgeräte verschwinden und werden durch eine neue, im Fahrzeug integrierte Funkausrüstung ersetzt. Fast das gesamte Ersatzteil- und Baumaterial konnte übrigens kostenlos von Gönnern des Vereins bezogen werden - vom feinsten Bongossi-Holz für Unterbau und Fußboden bis hin zu den großen Alublechen.
Helmut Giesen